Offene Worte

zu meiner DDR-Vergangenheit

Dirk Thärichen in der DDR: Worum geht es überhaupt?

Um es schon einmal vorauszuschicken: Ich war zu keiner Zeit Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Ich habe keine Berichte über Freunde, Kollegen oder andere Personen verfasst, niemanden denunziert und keine IMs geführt.

Da man in der Öffentlichkeit meine Jugend in der DDR im Rahmen meiner OBM-Kandidatur für Leipzig 2027 vermutlich wieder aufgreifen wird, möchte ich das Thema nochmals aktiv und maximal offen behandeln. Mir geht es darum, mögliche Missverständnisse zu klären und meine Biografie aus heutiger Perspektive einzuordnen.

Was habe ich im Wachregiment der DDR gemacht?

Mein Dienst war auf fünf Monate begrenzt – und zwar  vom September 1989 bis Januar 1990. Meine Aufgaben beschränkten sich auf Wachdienste von Objekten in Leipzig-Leutzsch. Ich war damit ein Wehrpflichtiger im Wach- und Sicherungsdienst und kein planmäßig eingesetzter Offizier oder gar operativer Mitarbeiter der Stasi. Ich war weder an operativen Maßnahmen gegen Bürger beteiligt, noch führte ich Inoffizielle Mitarbeiter oder verfasste Berichte über meine Kollegen, meine Freunde oder Familie oder andere Menschen.

Warum bin ich in das Regiment eingetreten?

Meine Motivation war damals, einen Studienplatz zu bekommen. Ich wollte mein Leben selbst gestalten und Ökonomie in Berlin studieren – und die Voraussetzung dafür war der dreijährige Wehrdienst, zu dem ich mich im Jahr 1988 verpflichtet hatte. Mein 18-jähriges Ich hat mich damals für den einfachsten Weg entschieden. Durch den Dienst beim Wachregiment in Leipzig konnte ich nah bei Familie und Freunden bleiben.

Hätte ich die freie Wahl gehabt, hätte ich mich gar nicht zum Wehrdienst gemeldet. Ich wollte eigentlich nur DJ und Tennislehrer sein, damit nebenher mein Geld verdienen und studieren. Doch individuelle Wünsche und Vorstellungen beim eigenen Lebensweg waren in der DDR nicht gefragt, sodass ich meinen Wehrdienst beim Regiment angetreten habe, um einerseits in Leipzig bleiben und andererseits meinen Studienwunsch erreichen zu können. 

Ein Wehrdienst im Wachregiment: Wie war das genau?

Das Wachregiment „Felix Dzierzynski“ war ein militärischer Verband, der dem Ministerium für Staatssicherheit zugeordnet war. Das Regiment übernahm insbesondere Aufgaben zur Bewachung und Sicherung.

Ganz klar: Dieses Regiment war Teil des Sicherheitsapparates der SED-Diktatur. Gleichzeitig haben sich unterschiedliche Menschen in diesem Regiment wiedergefunden: Offiziere und Berufssoldaten mit systemtragender Rolle. Aber eben auch junge Wehrpflichtige wie ich, die ihren Dienst dort antraten und für sich später eine andere Laufbahn sahen.

Ich war also ein Wehrpflichtiger in einer Einheit, die von oben politisch gesteuert wurde. Das ändert natürlich nichts daran, dass ich rein organisatorisch Teil dieses Systems war, aber es beschreibt die Tragweite meines Handelns.

Öffentliche Diskussion

Nach der für Leipzig erfolgreichen nationalen Olympiabewerbung 2003, die ich als Geschäftsführer geleitet habe, wurden meine Unterlagen bei den zuständigen Archiven medienwirksam veröffentlicht und ausgewertet. Daraus entspann sich eine öffentliche Diskussion mit dem Ergebnis: Diese Unterlagen enthalten keine Hinweise auf Spitzeltätigkeiten, Repressionshandlungen, auf das Führen von Inoffiziellen Mitarbeitern oder auf operative Maßnahmen gegen Mitbürger.

Richtig ist, dass es in meinem Ausbildungsbetrieb Offizin Andersen Nexö bereits im Jahr 1988 eine vorgegebene berufliche Planung einschließlich eines Hochschulstudiums für mich gab, der ich gefolgt bin.

Was denke ich heute über die DDR?

Die DDR war ein Unrechtsstaat. Die systematische Überwachung, Unterdrückung und Bestrafung Andersdenkender, die Machtausübung der SED und die Rolle des Staats- und Sicherheitsapparates sind historisch klar belegt. Ihre Verletzungen dürfen nicht relativiert werden, indem man Strukturen „normalisiert“ oder bagatellisiert. Wer wie ich Teil von Strukturen dieses Staates war – in welcher Funktion auch immer – muss diese Realität anerkennen.

Ich sehe meinen Wehrdienst im Wachregiment heute kritisch. In jungen Jahren habe ich Entscheidungen getroffen, deren Tragweite ich nicht überblickt hatte. Das entbindet mich heute nicht davon, mich dieser Biografie zu stellen.

Wer mir Fragen dazu stellen möchte, den lade ich gerne ein, mit mir persönlich den Dialog zu suchen.

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